Nachbericht zum BIH Symposium 2018

Am 16.+17. März fand das zweite BIH Symposium „Exploring Systems Medicine“ in Berlin statt. International anerkannte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler referierten in vier Session zum Thema „The 3 Rs of Tissue Repair: Replace – Restore – Rejuvenate“. Auf die Vorträge folgte ein reger wissenschaftlicher Austausch mit Forschenden und Klinikern. Teil der Veranstaltung war außerdem die feierliche Verleihung des BIH Awards für geschlechterorientierte biomedizinische Forschung.

Impressionen der Veranstaltung

Ausgewählte Fotos des BIH Symposiums finden sie hier.

Die Systemmedizin hat das Potenzial, Wissenschaft und Gesundheitsversorgung zu verändern, indem es die klinische Anwendung von wissenschaftlichen Erkenntnissen voranbringt. Sie vernetzt unterschiedliche Disziplinen und ganzheitliche Ansätze, um bessere Einblicke in biologische Konzepte und die Komplexität von Krankheiten zu bekommen. Mit dem diesjährigen Thema des BIH Symposiums „The 3 Rs of Tissue Repair: Replace – Restore – Rejuvenate“ hat das BIH Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und Klinikerinnen und Kliniker aus der Berliner Wissenschaftsgemeinde mit internationalen Forscherpersönlichkeiten zusammengebracht, um sich tiefgehend über die biologischen Mechanismen auszutauschen, die für Gewebeschäden und deren Reparaturmechanismen maßgeblich sind. Der wissenschaftliche Fokus lag auf Konzepten und Mechanismen, die zum Umprogrammieren von Zellen, zur Stilllegung von Genen und der Zellalterung führen. Diese wissenschaftlichen Erkenntnisse zeigen zum einen auf, dass Gesundheit und Krankheit stark von den zellulären Reparaturmechanismen abhängen, und zum anderen stellen sie die Grundlage für die Entwicklung von neuen Behandlungsmöglichkeiten dar.

Ersetzen – Wiederherstellen – Verjüngen

In der ersten Session ging es um genetische und zelluläre Prozesse bei der Entstehung von Krebs, Diabetes und neurologischen Erkrankungen und darum, wie sich die entstandenen Gewebeschäden reparieren lassen. Nach der Mittagspause, in der die entstandenen Diskussionen lebhaft weitergeführt wurden, stand das Thema der zellulären Reprogrammierung von Nervenzellen im Vordergrund. In Session drei widmeten sich die Speaker dem Thema „Gene Silencing“ und der Frage, wie genetische Methoden wie CRISPR/Cas für mögliche Therapieansätze verwendet werden können. Weitere Forschungsarbeiten von Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern wurden in einer anschließenden Poster Session vertiefend diskutiert. In der vierten Session ging es vorranging um das Thema Zellalterung und Ansätze, wie es möglich ist Zellen vor der Alterung zu bewahren, um die Entwicklung von Krankheiten zu verlangsamen oder sogar zu verhindern.

Informationen zu den Speakern stehen Ihnen hier zur Verfügung.

Ist ein Kulturwandel in der biomedizinischen Forschung nötig?

Im Anschluss an die wissenschaftlichen Vorträge diskutierten die eingeladenen Speaker unter der Leitung von Clemens A. Schmitt von der Charité, Mitglied des BIH-Forschungsrats und einer der Hauptorganisatoren der Veranstaltung. Es ging unter anderem um die Frage, welche Voraussetzungen geschaffen werden müssten, um qualitativ hochwertige Grundlagenforschung in die Anwendung zu bringen und es wurde über die Zukunft des Wissenschaftssystems diskutiert. Alle Diskutanten waren sich einig, dass Offenheit und Wissbegierde der Schlüssel zum Erfolg seien, um die translationale Medizin voranzubringen. Maike Sander von der University of California San Diego, USA, betonte aber auch, dass die Hürden im heutigen Wissenschaftssystem für viele vor allem junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu hoch seien, um ihre Ideen aus der Grundlagenforschung in die Anwendung zu bringen. Es brauche neue Infrastrukturen und Rahmenbedingungen. Jan van Deursen von der Mayo Clinic, USA, unterstrich ihre Aussage: „Für echte Translation braucht man starke Partner, die ihre unterschiedlichen Expertisen einbringen.“ Kristin Baldwin vom Scripps Research Institute, USA, war der Meinung, dass ein Kulturwandel in dem von Konkurrenz geprägten Wissenschaftssystem stattfinden müsse, so dass biomedizinische Forscherinnen und Forscher mehr zusammenarbeiten anstatt einzig und allein auf ihre eigene Arbeit und die nächste Erstautorenschaft hinzuarbeiten.

Ist Reproduzierbarkeit der Schlüssel für Translation?

Um sicherzustellen, dass Grundlagenforschung in die Anwendung kommt, müssten vor allem die Grundlagen stimmen, so Clemens Schmitt und fragte, wie das sichergestellt werden könne, wenn die Reproduzierbarkeit von Forschungsergebnissen oft nicht gewährleistet sei. Marius Wernig von der Standford University, USA, war der Meinung, dass es nicht nur um die Reproduzierbarkeit ginge, da die meisten Daten sicherlich korrekt seien. „Nur wenn es ein einheitliches Verständnis über die Interpretation der Daten gibt, können daraus Anwendungen entstehen“, sagte Wernig.

Auch die Rolle von Modellsystemen für die klinische Translation und die derzeit verwendeten Studiendesigns wurden diskutiert. Abschließend wurde nochmal deutlich, dass Anreizsysteme geschaffen werden müssen, um Forscherinnen und Forschern eine langfristige Perspektive im Wissenschaftssystem zu geben und um Grundlagenforscherinnen und -forscher überhaupt mit Medizinerinnen und Medizinern zusammenzubringen. Nur so könne Translation funktionieren. „Dafür bedarf es Menschen mit dieser Vision und Einrichtungen wie das BIH“, sagte Mina J. Missell vom Lawrence Berkeley National Laboratory, USA.

BIH Awards für geschlechterorientierte biomedizinische Forschung

Teil des BIH Symposiums 2018 war die feierliche Verleihung des BIH Excellence Award for Sex and Gender Aspects in Health Research an die Preisträgerinnen Louise Pilote and Rhonda Voskuhl. Beide Preisträgerinnen betonten, wie wichtig es sei, biologische und soziale Geschlechterunterschiede in die biomedizinische Forschung zu intergieren, um Unterschiede bei der Entstehung und Entwicklung von Krankheiten zu verstehen und passende Therapien zu entwickeln. „Das BIH ist eines der wenigen Institute weltweit, das die Wichtigkeit dieses Themas verstanden hat und mit der Auszeichnung unsere Arbeit in diesem Gebiet anerkennt und stärkt“, sagte Rhonda Voskuhl von der University of California, USA.

Die Differenzierung zwischen Sex und Gender

In der anschließenden Diskussion zum Thema Sex und Gender in der Forschung verdeutlichten die beiden Preisträgerinnen, dass großer Wert darauf gelegt werden müssen, die Begriffe zu differenzieren: Geschlecht beziehe sich nicht nur auf die Kategorien Mann und Frau, sondern auch soziale und kulturelle Unterschiede beeinflussen das Geschlecht. Louise Pilote bezieht in ihrer Forschung im Bereich der kardiovaskulären Erkrankungen vor allem die sozialen Geschlechterunterschiede (gender differences) mit ein. Bisher fokussieren sich die meisten Ansätze in diesem Forschungsbereich ausschließlich auf das biologische Geschlecht und vernachlässigen die Auswirkungen von kulturell geprägten Geschlechterrollen. Rhonda Voskuhls Forschung hingegen zeichnet sich durch die Untersuchung von biologischen Geschlechterunterschieden (sex differences) bei chronisch degenerativen Erkrankungen aus. Sie erforscht molekulare Mechanismen in präklinischen Studien und entwickelt daraus geschlechterspezifische Biomarker für neuartige Therapieansätze.

Weitere Informationen zur Auszeichnung und den Preisträgerinnen finden Sie hier.